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Kanisfluh © Teresa Meusburger / Bregenzerwald Tourismus

Heilige Berge und Bäume

Heilige Berge und Bäume

Geisterkirche, Hexenturm, Unholdenberg, aber eben auch Familienbäume – durch die Natur hervorgebrachte Gesteinsformationen oder Gewächse hatten für die Menschen im Bregenzerwald nicht nur praktische, sondern auch enorme spirituelle Bedeutung. Heute werden sie auch zeremoniell bestiegen und umarmt.

Als vor ein paar Jahren ein Unternehmen in Erwägung zog, am Fuß des imposanten Gebirgsstocks der Kanisfluh Kies abzubauen, erhob sich inner- und außerhalb der Talschaft heftiger Protest. Schon bald ging es nicht mehr nur um Bedenken aus der Sicht des Natur- und Landschaftsschutzes, sondern um Blasphemie: Die Verwirklichung des Vorhabens würde nichts Geringeres bedeuten als die Schändung des „heiligen Berges“ der Bregenzerwälder – gleichsam ihres Kailash, freilich ohne Besteigungsverbot und Rundum-Pilgerfahrten. Um derlei auf Dauer zu unterbinden, erklärte die Vorarlberger Landesregierung das Kalksteinmassiv 2020 zum Landschaftsschutzgebiet. Frühere Generationen hätte diese Deutung allerdings aufs Höchste befremdet: Berge dienten ihnen, soweit irgend möglich, als Wirtschaftsflächen für die sommerliche Viehweide und die Heuernte, zur gern ausgeübten Wilderei sowie für gelegentliche Bergbauversuche. Was hingegen zu schroff, zu unzugänglich, daher ökonomisch unnütz und aufgrund von Lawinen, Steinschlag, Muren zudem gefährlich war, galt als „unheimlich“ im magischen Sinn, als Sitz von Dämonen und Geistern – also das Gegenteil von verehrungswürdig, von „heilig“.

Paradebeispiel dafür war die Kanisfluh – oder genauer deren Nordwand. Von ihr hieß es, ein Papst habe alle Geister, die zuvor anderenorts ihr Unwesen getrieben, die Menschen erschreckt und nächtens geängstigt hatten, dorthin gebannt. Wie sehr solche Vorstellungen Gemeingut waren, lässt uns ein Gerichtsprotokoll aus dem Jahr 1767 wissen: Eine nach ihrem Tod als besonders hartnäckiges Gespenst im Rheintal umgehende Frau sei erst zur Ruhe gekommen, als ein magischer Spezialist – allem Anschein nach ein Kapuzinerpater – sie in die Kanisfluh bannte. Den Hauptsitz solcher dämonischer Wesen vermuteten die Talbewohner in einem markanten Felsenturm, den sie „Geisterkirche“, ‚‚Hexenturm“ oder „Wirmensul“ nannten. In manchen Nächten könne man dort die Lichter unerlöster Seelen aufleuchten sehen und sogar ein Glöcklein läuten hören.

Als „Unholdenberg“ ähnlich übel beleumundet war die Winterstaude. Es galt als erwiesen, dass Hexen und Hexer auf ihrem breiten Gipfel, den sie auf Wölfen reitend erreichten, zusammenkamen und dort aßen, tranken und tanzten. Man habe sich dort auch Gefechte geliefert. Wurde dabei jemand verletzt, seien die Wunden sofort wieder geheilt worden. Die sich allmählich entwickelnde Dominanz christlicher Glaubensinhalte vermochte es nie, ältere Denkformen vollständig zu eliminieren. In verschiedenen Schichten wirken sie letztlich bis heute weiter, teils eng vermischt mit christlichen Elementen, teils – weit verbreiteten Mustern des eurasischen Schamanismus folgend – in Form von magischen Vorstellungen und Praktiken, von Zauber- und „Aberglauben“.

In den 1820er-Jahren berichtete der schwäbische Theologe, Gymnasiallehrer und Schriftsteller Gustav Schwab (bekannt als Dichter der Ballade „Der Reiter und der Bodensee“) von einem archaisch anmutenden animistischen Kult, auf den er als früher „Ethnotourist“ im Bregenzerwald aufmerksam wurde, nämlich die Verehrung bestimmter Bäume: „An schönen Sommertagen stürzt sich der Eigenthümer eines solchen Baumes mit seinen Kindern und Hausleuten um denselben und verrichtet hier sein Abendgebet. Man hat Beispiele, daß zufällig verarmte Hausväter, genöthigt das Grundstück zu verkaufen, in welchem ein solcher Familienbaum stand, vorsätzlich den schriftlichen Veräusserungsvertrag also einrichten liessen, daß auf dem Grunde die Dienstbarkeit des freien Fußweges zu dem Baume haften blieb, und der Verkäufer das Recht, mit diesem Baume zu schalten und zu walten, unbenommen behielt. Damit ein solcher Familienbaum nicht ausstirbt, wird gewöhnlich ein junges Stämmchen an die Seite gepflanzt, welches an die Stelle des vermodernden Baumes tritt, und auf das die fromme Verehrung übergeht.“ Ob es sich tatsächlich um ein Relikt des schon im 6. Jahrhundert bezeugten Baumkults der Alemannen handelte, sei dahingestellt. In Skandinavien war die Verehrung von Schutz- und Hofbäumen, meist Eschen, Linden oder Eichen, unter denen man Gebete sprach und Gaben darbrachte, ebenfalls bis in jüngere Zeit verbreitet. Gustav Schwab hätte sich allerdings wohl kaum träumen lassen, dass zwei Jahrhunderte nach seinen Beobachtungen das Umarmen von Bäumen nicht nur als ein probates Mittel zur Entspannung, sondern sogar als medizinisch relevantes Therapeutikum empfohlen würde.

Autor: Alois Niederstätter
Reisemagazin Ausgabe: Winter 2022-23