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Schlechte Kinderzucht

Schlechte Kinderzucht

Schlechte Kinderzucht

„Ihr Bauern wehrt euch, ihr seid euer viele!“, hieß es vor rund 250 Jahren im Kampf der Bevölkerung gegen die Schulreform der Kaiserin Maria Theresia im Bregenzerwald.

Zu den Materien, die die Emotionen verlässlich hochgehen lassen, zählen Reformen des Schulwesens – in der Regel freilich weniger bei den unmittelbar Betroffenen, den Kindern und Jugendlichen, sondern bei den Erwachsenen, seien sie nun Eltern oder auch nicht. Das war schon vor bald 250 Jahren so, als die von der Aufklärung inspirierte Kaiserin Maria Theresia staatlich normierte, zweiklassige Volksschulen („Trivialschulen“) und die allgemeine Unterrichtspflicht für alle Kinder zwischen dem sechsten und dem zwölften Lebensjahr einführte. Was heute als bildungsgeschichtlich bahnbrechende Tat gefeiert wird, erregte bei vielen Zeitgenossen nicht nur heftiges Missfallen, sondern führte mancherorts sogar zu offener Rebellion. Im Sprengel von Sulzberg hatten Ammann und Gericht auftragsgemäß vier solcher Schulen eingerichtet und mit je einem ausgebildeten Lehrer besetzt.

Als im November 1774 der Unterricht beginnen sollte, zwangen jedoch von Pfarrer Hilarius Mayer angestiftete Gemeindemitglieder die Ortsobrigkeit, beim Oberamt in Bregenz gegen die Neuerung zu intervenieren. Dieses Ansinnen wurde dort, weil es sich um einen kaiserlichen Befehl handle, abgewiesen, außerdem hätten die Sulzberger „wegen schlechter Kinderzucht die Schule dringend nötig“. Am Morgen des 8. Dezember schritten die Reformgegner zur Tat. Nach der Arretierung der örtlichen Amtsträger stürmten sie die Schulstube im Mesnerhaus, zerstörten das Inventar und verbrannten „unter der besonderen Anteilnahme der Frauen“ dessen Reste samt den neuen Schulbüchern auf dem Dorfplatz. Dieselbe „Behandlung“ erfuhren am Nachmittag auch die übrigen Schulen im Sprengel. Befürworter der Reform wurden angegriffen und misshandelt. Gegen Beamte, die sich zur Untersuchung der Vorfälle auf den Weg gemacht hatten, wollten die Aufständischen gleichfalls mit Gewalt vorgehen, sogar einen bewaffneten Ausfall nach Bregenz zogen sie in Betracht. Erst als Pfarrer Mayer nach Konstanz in Haft genommen wurde, brach der Aufstand, seines Anführers beraubt, zusammen. Gegen die Teilnehmer an den Ausschreitungen – insgesamt 96 Personen – ging die Obrigkeit mit teils harten Strafen vor.

Zur selben Zeit rief auch der Alberschwender Pfarrer Ferdinand Saur seine Gemeinde zum Widerstand gegen die neue Schule auf: „Ich kann für das, was nachkommt, nicht gutstehen, ihr Bauern wehrt euch, ihr seid euer viele!“ Viele Frauen weigerten sich daraufhin, die Kinder anzumelden. Ende November 1774 entgingen der Lehrer Joseph Bereuter und seine Familie nur knapp einem durch das Fenster in ihre Wohnung abgegebenen Schrotschuss: Er drang neben dem Bett der Lehrersfrau, „die schon in demselben lag, und über das schlummernde Kind hinweg in die Oberdecke, wo man bei sechzig Schrotspuren zählen konnte, und reichte bis hinter den Ofen, wo ihr Mann zu sitzen pflegte“.

Wer die Tat verübt hatte, ließ sich nicht ermitteln. Nur mit dem Misstrauen ländlicher Gemeinschaften gegen ihnen aufgenötigte Neuerungen können diese Ausbrüche nicht erklärt werden. Die Situation war komplexer: Wie weit darf der sich formierende „moderne“ Staat in das Leben der Menschen eingreifen? Wie steht es um das bislang unbestrittene Recht der Eltern, über das Wohl und Wehe ihrer Kinder allein zu entscheiden? Warum genügt das bis dato als ausreichend angesehene Schulwesen nicht mehr? Wie sollen die vielen armen Familien das Schulgeld aufbringen? Die neue Schule war keineswegs gratis. Wie sollten die zumeist verschuldeten Gemeinden die Kosten für die Einrichtung und den Unterhalt der Schulen sowie für die Besoldung der Lehrer decken, die ihnen der Staat aufbürdete? Und nicht zuletzt: War der neue Unterricht wirklich, wie verbreitet wurde, „lutherisch“? Drohte also Gefahr für den Glauben und das Seelenheil? Wussten die Unzufriedenen in dieser Situation den Pfarrherrn auf ihrer Seite, schien Widerstand, ja sogar die Anwendung von Gewalt durch die höchste örtliche Autorität legitimiert. Zu einer einheitlichen Bewertung des Geschehens gelangte die regionale Geschichtsschreibung nicht. Während sich die eine Seite in aufgeklärter Empörung über die Ignoranz des von rückständigen Geistlichen instrumentalisierten Landvolks erging, konstatierte die andere gerechtfertigte Notwehr gegen brutale staatliche Eingriffe in bewährte kommunale Rechte und Strukturen. Schule war und ist ein Politikum.

Autor: Alois Niederstätter
Ausgabe: Reisemagazin Bregenzerwald – Winter 2023-24