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Stangenfahren ist das Größte

Stangenfahren ist das Größte

Stangenfahren ist das Größte

Der Lift in Reuthe ist zwar klein, auch liegt nicht immer Schnee auf der Piste. Aber wenn, dann ist das Glück der Kinder im Ort perfekt. Fast die Hälfte der Bevölkerung in Reuthe ist beim Skiclub, der für das Dorf eine ganz wesentliche Rolle spielt. Ersetzt er doch, was es in größeren Gemeinden an unterschiedlichen Formen des Dorflebens gibt. Reuthe „ist“ der Skiclub.

Im Herbst 1993 klingelte beim Musiker George Nussbaumer das Telefon. Im Bregenzerwälder Dialekt meldete sich der Sportwart des Skivereins Reuthe. Man brauche Geld für eine Pistenraupe. Deswegen wolle man einen Ball veranstalten. Ob George spielen und eine Tonanlage mitbringen könne? Das Problem sei nur, dass die Halle eine Zimmerei und 45 Meter lang sei – aber dass man vorher eh alles ausräume. Nein, wie viele zum Ball kämen, wisse man nicht. „Das muss ein Verrückter sein“, dachte George und sagte zu. Der „Verrückte“ war Michael Kaufmann. Er organisierte diesen „Bluesund Soulball“ insgesamt achtmal und ging damit in die Annalen des Bregenzerwaldes ein. Zu besten Zeiten tanzten 1.200 Menschen bis in den Morgen zur Livemusik angesagter Soulbands. Das sanierte den Skiverein Reuthe für ein paar Jahre. Außerdem konnte eine noch offene Restrate für die neue Kirchenorgel beglichen werden. Michael verrechnete nie auch nur einen Cent für seinen enormen Material- und Arbeitsaufwand oder die Hallenbenützung. „Wenn ich noch einmal auf die Welt kommen würde, tät ich’s wieder.“ An Michaels Seite standen Rudolf Moosbrugger und Wendel Fetz. Sie schafften es, andere zu motivieren. In Reuthe leben 700 Menschen, 250 davon sind im Skiverein und ungefähr ebenso viele spielen ein Instrument.

Gern schielt man auf die andere Seite der Bregenzerach zum großen Nachbarn Bezau. Wenn die in Reuthe etwas machen, etwa einen Ball, ein Musikfest oder ein Skirennen organisieren, soll die Latte stets ein kleines bisschen höher liegen als jenseits der Ach. So kam es auch zu einem Skirennen amerikanischer Art, das 1993 ausgetragen wurde – mit Sportler*innen aus dem ganzen Land. Ein Highspeed Contest – Parallelslalom mit eingebauter Schanze – und amerikanische Musik. Das Preisgeld von 3.000 Ein- Dollar-Scheinen wurde in einem Koffer überreicht. Seither üben die Kinder am „Dollarhang“. Die Mutigen rasen diese steile Piste hinunter. Was von unten harmlos aussieht, lässt Ungeübten die Knie schlottern. „Dieser Hang ist kohlrabenschwarz“, sagt Michael und meint damit: noch jenseits der schwierigsten Abfahrtskategorie. Eine Pistenraupe muss beim Präparieren der Strecke mit einer Seilwinde festgehalten werden. Wer hier übt, kann wirklich Ski fahren. Etwa die Familie Muxel. Martin Muxel, hauptberuflich Trainer des Skiclubs Bregenzerwald, ist auch Sportwart in Reuthe und kümmert sich vom Stecken des Laufs bis zur Preisverteilung um alles.

Tochter Antonia besucht das Schigymnasium Stams und fährt erfolgreich FIS-Rennen. Sohn Josef hat sich für österreichweite Läufe qualifiziert. Sohn Magnus brachte es weit, hörte jedoch mit dem Leistungssport auf und trainiert nun gemeinsam mit Mama Conny die Kinder. „Bei den Kleinen geht’s nicht um Leistung“, sagt Conny, „nur ums Fahren.“ Magnus kurvt im Rennstil voraus. Die Kinder imitieren ihn. Der kleinste Muxel, Manuel, steht schon in den Startlöchern. Die Bedeutung des Lifts und der Piste in Reuthe für die Kinder macht Heidi Felder klar. Ihre Söhne Marius und Darian kleben mit den Nasen an den Fenstern und beobachten die Piste. Wenn der Fall eintritt, dass genügend Schnee liegt und Martin Stangen steckt, ist ihr Glück perfekt. Nichts kann sie nun zurückhalten. Stangenfahren? Für viele Kinder das Größte. Nach einem Vierteljahrhundert gab wieder einmal eine Pistenraupe den Geist auf. In St. Anton wurde man fündig. Ein Kässbohrer Pisten- Bully 600, zehn Jahre alt, eine „Pistensau“. Neupreis: eine halbe Million Euro. Der Skiclub Reuthe würde sie um 80.000 Euro bekommen. Michael bat die Gemeinde, einen Teil davon zu bezahlen. Ein Bauer, der zwar selbst kaum Ski fährt, schlug in der Gemeindevertretung vor, die Gemeinde möge doch das Gefährt zur Gänze bezahlen. Das mag als ein Beispiel dafür herhalten, wie wichtig der Skiclub den Menschen in Reuthe ist. Im Sommer 2022 stand der Pisten- Bully in einer Ecke der neuen Halle der Zimmerei Kaufmann. Freiwillige aus Reuthe zerlegten ihn in tausend Teile, tauschten Schläuche, Hydraulik, Fräse und Design. Im Februar 2023 stand er immer noch da. In leuchtendem Ferrari-Rot aufgebrezelt. Der ganze Verein konnte es kaum erwarten, den Bully in seiner ganzen Pracht auf der Piste zu sehen. Doch es kam kein Schnee.

Den ersten Lift auf den Baienberg baute 1961 Michaels Großvater. Ein paar Jahre später wurde er schon wieder abgebrochen. Auch abseits der Piste hatten die „Rüthinger“, wie sie sich nennen, mit Problemen aller Art zu kämpfen: 1966 eine Maul- und Klauenseuche, 2005 ein Jahrhunderthochwasser, dann die Pandemie. Nach der langen Ära „Egon Eller“, dem Wirt des Clubheims, bewirtet dort nun Elisabeth Grissemann ehrenamtlich. Sie versucht eine Erklärung, warum dieser Schlepplift für die „Rüthinger“ so große Bedeutung hat. „Das Gesundhotel Bad Reuthe, ein erfolgreicher Hotelbetrieb, ist das einzige Lokal bei uns. Wir haben kein Schwimmbad, keinen Tennisplatz, keinen Fußballplatz, kein Dorfgasthaus, wo wir uns treffen könnten. Unser Dorfleben ist das Skifahren rund um den Skilift. Selbst wenn es Jahre gibt, in denen er kein einziges Mal läuft, wollen wir ihn unbedingt erhalten.“ Mittlerweile stellt die Zimmerei Kaufmann ihre Halle für Veranstaltungen wie FAQ Bregenzerwald oder Konzerte zur Verfügung. Der Skiverein bewirtet dabei. So kommt ein bisschen Geld in die Vereinskassa. Und alle freuen sich auf das wichtigste Dorfereignis des Jahres: das Vereinsskirennen am „Boingarbühl“. Da ist dann die Hölle los. Die Bürgermeisterin kommentiert das Rennen. Keiner von den rund hundert Teilnehmenden wird schließlich ohne Preis nach Hause gehen, auch wenn für den Sieg jede Hundertstel zählt. Unter allen geht die Frage um: Wer wird dieses Jahr gewinnen? Sind es die Kaufmänner, die Muxels, oder die Felders? Wie wird sich Josef, die große Hoffnung, schlagen? „Die Alten sind leider immer noch zu gut“, sagt Magnus und lacht. „Die gehen halt vorher wochenlang trainieren.“

Autorin: Irmgard Kramer
Ausgabe: Reisemagazin Bregenzerwald – Winter 2023-24